Die Nacht, in der die Flut ins Ahrtal kam

2 Tage nach meinem letzten Post, in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 ist das furchtbare Hochwasser ins Ahrtal gekommen. Auf meinem Instagram Profil, kannst du in den Highlights nachschauen, wie es uns in Ahrbrück ergangen ist.

Auch wenn dies ein Reiseblog ist, habe ich das Bedürfnis unsere Geschichte hier aufzuschreiben. Vielleicht hilft es ja ein bisschen zu realisieren, was passiert ist. Und außerdem heißt es hier „Unsere Reise durch das Leben“. Und im Leben läuft es nun mal auf und ab. Um das Schöne zu erkennen, braucht es leider auch das Hässliche.

Am 14.07. hat es wirklich den ganzen Tag richtig geschüttet. Ich habe den Tag mit meiner Freundin und ihren Kindern bei uns zu Hause verbracht, da wir nicht raus konnten. Ich weiß noch wie ich gesagt habe: „Zum Glück sind wir hier im Haus sicher und haben es gemütlich!“ nichts ahnend, was sich in der Nacht alles für Tragödien abspielen würden.


Mein Herzmann ist den ganzen Tag in Ahrbrück gewesen und hat zusammen mit der Feuerwehr versucht die übersprudelnden Gullis zu bändigen und Sandsäcke aufzubauen. Als das Wasser über die Hauptstraße schwappte, sagte eine innere Stimme zu ihm: „Fahr nach Hause, du kannst hier eh nichts mehr tun!“ Was für ein Glück, dass er auf sein Herz hörte und er sich in sein Lieblingsauto gesetzt hat und heim gekommen ist.

Gegen 19:00 Uhr riefen meine Eltern aus Meckenheim an, dass das Wasser vom 30 Meter entfernten Swistbach durch die Kellerfenster in ihr Haus läuft. Meine naive Antwort war: „Legt ein paar Handtücher vor die Fenster, um das Wasser aufzuhalten!“ Ich konnte ja nicht wissen, was da noch für Wassermassen im Anmarsch waren. Meine Eltern waren im Keller, um noch ein paar Sachen hochzuholen, als mein Vater zu meiner Mutter sagte: „Schau mal da kommt das Wasser schon aus dem Schlüsselloch, aus der geschlossenen Zimmertür.“ Kaum ausgesprochen, zerbrach die Tür in zwei Teile und das Wasser schoss auf die beiden zu. Zum Glück konnte mein Papa, meine Mama noch schnappen und sich nach oben retten. (Wie viele Seelen haben genau das leider nicht mehr geschafft!)

Mein Mann ist dann zu meinen Eltern gefahren, mit der Idee sie zu uns zu holen. Leider haben sie keinen Weg mehr in unser Dorf gefunden, da überall die Straßen überflutet waren. Deshalb wollten meine Eltern wieder zu ihrem Haus gebracht werden.

Aber mein Herzmann wollte nicht aufgeben und wieder nach Hause. Leider hatte er sich dabei einen platten Reifen eingefangen. Da das Handynetz zusammengebrochen war, musste er damit auch noch auf die Autobahn fahren, um den ADAC an der Notrufsäule rufen zu können. Der schleppte ihn dann in die nächste erreichbare Werkstatt.

Leider konnte er dann nur noch zu Fuß und in Gummistiefeln ca. 4 km nach Hause laufen. Völlig durchnässt und fix und fertig kam er endlich um 4:30 Uhr nach Hause. Da wir nicht telefonieren konnten, habe ich die ganze Nacht wartend im Wohnzimmer gesessen und war sehr froh ihn endlich wieder in die Arme schließen zu können. Zum Glück ist ihm und meinen Eltern nichts passiert.

Wir wollten direkt am nächsten Tag nach Ahrbrück fahren, um das Ausmaß der Flut zu begutachten. Wir kamen aber nur bis zur Umgehungsstraße in Altenahr. Diese liegt oberhalb der Kleinstadt. Als wir stoppten, da die Straße gesperrt war, konnten wir sehen, wie es Altenahr getroffen hatte. Wir standen absolut unter Schock und konnten es nicht begreifen. Die Hubschrauber retteten die Menschen von den Dächern in Altenburg und setzten sie auf der Umgehungsstraße ab. Eine Familie erzählte uns, dass sie die Nacht auf dem Dach verbringen mussten. Das alles konnten wir einfach nicht verstehen.

Da die Straße nach Ahrbrück teilweise weggespült war, konnten wir erst am nächsten Tag über die Autobahn mit einem großen Umweg dorthin. Ganz Ahrbrück war mit Schlammassen, abgebrochenen Bäumen und alles was von der Ahr mitgerissen wurde bedeckt. In unserer Tankstelle stand in der Unglücksnacht das Wasser 3,5 Meter hoch. Dementsprechend lag die komplette Ladeneinrichtung und was sich darin befand nun kreuz und quer.

Wie auch immer es die Leute geschafft hatten nach Ahrbrück zu kommen, waren hunderte von Menschen einfach da und haben mit bloßen Händen, Schneeschiebern und Schaufeln versucht, dem Schlamm und dem Geröll Herr zu werden. Es ist einfach nicht in Worte zu fassen, wie dankbar wir im Nachhinein für diese Hilfe sind. Denn selber denkst du nur: „Das können wir unmöglich schaffen!“

Aber jetzt, nach fast einem Jahr wirklich anstrengender Arbeit meines Herzmannes erstrahlt, zu mindest von innen, unsere Tankstelle in neuem Glanz, mit sehr engagierten neuen Pächtern und wir sind glücklich, dass wir es schon so weit geschafft haben.
Selbst in unserem Mietshaus, das ca. 30 Meter von der Ahr entfernt, etwas erhöht steht, waren die Wassermassen bis zur ersten Etage gedrungen. Und auch hier sind aufgrund der Hilfe unserer Mieter und vieler, vieler Helfer aus ganz Deutschland, die Wohnungen nun endlich wieder bewohnbar. Und der Keller hat auch wieder einen funktionierenden Waschraum, indem die Mieter nach einem Jahr endlich ihre Wäsche wieder selber waschen können.

Wir hätten nie gedacht, dass das Ganze so viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Es hätte sicher auch noch viel länger gedauert, hätte es nicht diese Wahnsinns-Helfer gegeben, die sich einfach ins Auto gesetzt haben, um zu helfen. Bei wildfremden Personen! Aber auch die Handwerker der Umgebung leisten seit einem Jahr einfach unglaubliches und kommen teilweise an ihre Grenzen.
Dafür möchte ich stellvertretend für alle aus dem Ahrtal ein riesen Dankeschön aussprechen. Dieses Unglück hat uns gezeigt, dass wir Menschen in Krisen wieder zusammen halten. Es ist einfach immer noch nicht zu fassen! DANKE!

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